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Wahrheit in Mathematik und Theologie

Bianca Ostermann

Inhaltsverzeichnis
  1. 4.1 Einleitung
  2. 4.2 Wahrheit in der Mathematik
    1. 4.2.1 Die Grundlagenkrise der Mathematik
    2. 4.2.2 Hilberts Traum
    3. 4.2.3 Gödel und die Grundlagenfrage
    4. 4.2.4 Die Unvollstädigkeitssätze
    5. 4.2.5 Konsequenzen für die mathematische Wahrheit
  3. 4.3 Wahrheit in der Theologie
    1. 4.3.1 Wahrheit im Neuen Testament
    2. 4.3.2 Wahrheit bei Johannes
  4. 4.4 Und nun?
  5. 4.5 Literaturverzeichnis


4.1 Einleitung

Bianca Ostermann „Was ist Wahrheit?“ [Joh 18,38] — eine Frage, die schon Pilatus im Johannes-Evangelium stellte. Eine Antwort hierauf bietet zum Beispiel die Enzyklopädie Brockhaus. Diese versteht unter Wahrheit „allgemein die Vollendung des Wissens, die in jeder Erkenntnis angestrebt wird. Eine Aussage, eine Behauptung, ein Bericht sind wahr, wenn sie einem Sachverhalt der Wirklichkeit entsprechen [...]. Allgemeine Sätze sind wahr, wenn sie entweder a priori als notwendig einsichtig oder a posteriori durch Induktion gerechtfertigt sind und deshalb sich in einen systematischen Denkzusammenhang ohne Widerspruch einfügen.“ [Bro74, S. 789] Diese komplizierte Formulierung macht sofort deutlich, wie schwierig es ist, den Begriff Wahrheit zu fassen. Es ist unmöglich, eine einheitliche Definition oder Theorie von Wahrheit aufzustellen bzw. ein eindeutiges Wahrheitskriterium zu benennen. Wahrheitstheorien versuchen jedoch den Begriff Wahrheit möglichst genau zu erfassen und zu definieren. Dass im gegenwärtigen philosophischen Diskurs nicht nur eine, sondern mehrere Wahrheitstheorien vertreten werden, verdeutlicht die begriffliche Problematik. Allen bedeutenden Wahrheitstheorien ist jedoch gemein, dass Wahrheit die Übereinstimmung von Sache und Verstand besagt und dass Sprache als Voraussetzung für die Bildung eines Wahrheitsbegriffs von zentraler Bedeutung ist. Sprachanalytische, semantische, logische und pragmatische Untersuchungen führen dabei zu ganz unterschiedlichen Wahrheitstheorien. Im Folgenden soll zunächst der intuitiv gegebene Wahrheitsbegriff, d.h. Wahrheit im Sinne von Übereinstimmung mit der erfahrbaren Wirklichkeit, zugrunde gelegt werden.

4.2 Wahrheit in der Mathematik

Zu Beginn ein kleiner Ausflug in die mathematische Geschichte um die Bedeutung der Wahrheit in der Mathematik erfassen zu können:

4.2.1 Die Grundlagenkrise der Mathematik

Das 19. Jahrhundert stellte mit seinen Forschungen und Entdeckungen die Mathematik vor neue Herausforderungen. Fragen, die bereits in der Antike aufgeworfen wurden, fanden nach und nach Antworten. Von größter Bedeutung war der hauptsächlich durch die Arbeiten von Gauß, Bolyai, Lobatschewsky und Riemann erbrachte Beweis der Unbeweisbarkeit des Parallelenaxioms1. Dieser Beweis zeigte zum einen, „dass es möglich ist, einen Beweis für die Unmöglichkeit eines Beweises bestimmter Aussagen innerhalb eines Systems zu geben“ [Nag01, S. 16] und zum anderen, dass außer der Euklidischen Geometrie neue geometrische Systeme konstruiert werden können, wenn andere Axiome zugrundegelegt werden, die mit jenen von Euklid unverträglich sind. Die so gewonnenen Erkenntnisse regten letztendlich die Überprüfung und Vervollständigung der axiomatischen Grundlage vieler anderer mathematischer Systeme an. Dieses Vorgehen wurde durch die revolutionäre Auffassung von Georg Cantor des Unendlichen als Gegebenes und nicht mehr nur potentiell Mögliches zusätzlich gefordert. Die rapide zunehmende Abstraktheit der Mathematik erschwerte der natürlichen Intuition den Zugang zu den mathematischen Objekten bzw. machte ihn sogar ganz unmöglich. So stellte sich unter anderem die Frage nach der Verträglichkeit der gegebenen Postulate, die als Grundlage eines Systems dienen. D.h. es musste gesichert werden, dass aus einem Axiomensystem nicht einander widersprechende Theoreme deduziert werden können.

Federführend in der weitergehenden Grundlagendiskussion war vor allem Gottlob Frege. Sein Ziel lag darin, die gesamte Mathematik auf einem „objektiven und unbezweifelbaren Fundament zu errichten“ [Gue02, S. 27]. Der Weg hierzu konnte seiner Meinung nach nur über die Logik führen, da nur diese die erforderliche „Strenge und Präzision“ (Gottlob Frege in [Gue02, S. 27]) für solch ein Unternehmen bieten könne. Er versuchte zu zeigen, „dass sich alle arithmetischen Begriffe mit rein logischen Mitteln definieren lassen, und dass man alle arithmetischen Axiome aus einer kleinen Zahl grundlegender Aussagen deduzieren kann, die als logische Wahrheiten gelten dürfen“ [Nag01, S. 46]. Damit begründete Frege das Programm des Logizismus. Am Beginn dieses Vorgehens stand eine genaue Definition der Menge: vorhandene oder fehlende Eigenschaften des betrachteten Objekts entschieden über Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit zu einer Menge. Gestärkt mit seiner formallogischen Ausrüstung begann Frege schließlich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts den Aufbau der gesamten Mathematik mit Hilfe von rein logischen Grundbegriffen.

1902, kurz vor dem Erscheinen des zweiten Bandes der Grundgesetze der Arithmetik, setzte Bertrand Russell diesem Vorgehen mit der von ihm entdeckten Antinomie ein abruptes Ende.2 (vgl. [Nag01, S. 29]) Nun schien die Mengenlehre, jene Theorie, die der Mathematik eine lang ersehnte Einheit verliehen hatte, in sich zusammenzufallen. Die „Grundlagenkrise der Mathematik“ war unabwendbar.

4.2.2 Hilberts Traum

Während Russell versuchte eine „geläuterte“ Variante des logizistischen Programms von Frege weiterzuführen, wollte der Niederländer Luitzen Egbertus Jan Brouwer das ganze Gebäude der Mathematik auf intuitionistischer Grundlage errichten. Als wichtigster Vertreter der Intuitionisten war sein Anliegen, nur noch diejenigen mathematischen Einsichten gelten zu lassen, die unmittelbar einleuchten und durch Anschauung und Intuition erfasst werden können. Erkenntnisse, die nicht durch Intuition oder aber durch konkrete Konstruktion erfasst werden können, lehnte er vehement ab. Vor allem alle Aussagen, die das Unendliche behandelten als sei es etwas Greifbares, Seiendes, mit dem man rechnen kann, sollten damit aufgegeben werden. Solche Errungenschaften einfach über Bord zu werfen, war jedoch für die meisten Mathematiker und vor allem für die andere Seite im Grundlagenstreit — die Formalisten — undenkbar. Ihr Vorreiter, David Hilbert, hatte sich die vollständige Axiomatisierung der Mathematik als großes Ziel gesetzt. Wie bereits auf dem Gebiet der Geometrie realisiert, war es nun Hilberts Plan, jedes Gebiet der Mathematik nach der axiomatischen Methode der Griechen aufzubauen: Bestimmte Sätze werden ohne Beweis als Axiome oder Postulate angenommen (Bsp.: durch zwei Punkte kann genau eine Gerade gezogen werden) und bilden sozusagen den Grundbau. Aus diesen Axiomen werden dann alle anderen Sätze des Systems als Theoreme mit Hilfe logischer Grundsätze, d.h. ausdrücklich bestimmter Regeln, abgeleitet. Diese bilden dann den Überbau. Wenn auf irgendeine Weise die Wahrheit der Axiome nachgewiesen werden kann, „dann sind damit automatisch sowohl die Wahrheit als auch die gegenseitige Verträglichkeit aller Theoreme in dem System gewährleistet“ [Nag01, S. 11]. In der Euphorie dieser vielversprechenden Methode wurden für neue und alte Teilgebiete der Mathematik scheinbar zur Geometrie adäquate Axiomensysteme aufgestellt unter der stillschweigend angenommenen Einstellung, dass sich für jedes mathematische Gebiet ein Axiomensystem finden lässt.

Der Beweis der inneren Widerspruchsfreiheit des Axiomensystems veranlasste Hilbert zu einer Formalisierung der Mathematik: Er stellte ein System von Zeichen („Kalkül“) auf, „das nur dasjenige enthält, was ausdrücklich hineingebracht“ [Nag01, S. 31] wurde. Hilbert löste sich von Begriffen wie „Punkt“, „Gerade“, „liegt auf“ und „zwischen“ und zählte diese zu den nicht definierten oder „primitiven“ Ausdrücken. Zwar erleichtern die üblichen Bedeutungen dieser Ausdrücke das Entdecken, Formulieren, Erlernen und Verstehen von einzelnen Theoremen und deren Beziehungen zueinander, aber zugleich schränken sie ein. Deshalb sollten bei der Untersuchung rein logischer Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Sätzen nunmehr die vertrauten Bedeutungen der nichtdefinierten Zeichen aufgegeben und nur noch die Bedeutungen mit diesen Zeichen verbunden werden, die ihnen durch die Axiome zugeschrieben wurden. Russell nimmt mit seinem berühmten Epigramm „Die reine Mathematik ist jene Disziplin, bei der man weder weiß, worüber man spricht, noch ob das, was man sagt, wahr ist.“ [Nag01, S. 18] darauf Bezug.

Postulate und Theoreme sind sodann „Ketten“ von sinnleeren Zeichen, die gemäß den Kombinationsregeln für die Elementarzeichen des Systems aufgebaut sind. Das Ableiten von Theoremen entspricht einem bloßen Umformen von Ketten, was einen unverhüllten, klaren Blick auf das „Innere“ des Systems ermöglicht.

Russell und Whitehead, die in der Principa Mathematica das Problem der Widerspruchsfreiheit mathematischer Systeme bereits auf die Widerspruchsfreiheit der formalen Logik reduziert hatten, lieferten das Hauptwerkzeug für die Untersuchung des ganzen Systems der Arithmetik als uninterpretierten Kalkül, denn sie erarbeiteten

  1. „ein sehr umfassendes Zeichensystem, mit dessen Hilfe alle Sätze der reinen Mathematik (und insbesondere der Arithmetik) in gesetzesmäßiger Weise kodifiziert werden konnten“,
  2. eine explizite Nennung „der in mathematischen Beweisen am meisten benützten Ableitungsregeln.“ [Nag01, S. 47]

Die so formalisierte Mathematik behauptet nichts, sie ist nur noch ein System sinnleerer Zeichen. In der Metamathematik findet dann die Beschreibung, Diskussion und theoretische Untersuchung der „sinnleeren“ Systeme statt. Sie macht sinnvolle Aussagen über die Mathematik, die im Kalkül auftretenden Zeichen, ihre Anordnungen und Beziehungen. Diese nun banal erscheinende Unterscheidung von Mathematik und Metamathematik war der Anfang von entscheidenden Fortschritten in der Grundlagenfrage. Auf diese formalisierte Weise erhoffte sich Hilbert, durch eine endliche Anzahl von Überprüfungen struktureller Eigenschaften von Ausdrücken des Systems (also im Prinzip durch Nachprüfen, ob Formeln bestimmter Art aus anderen Formeln mit Hilfe der explizit angeführten Regeln abgeleitet werden können) zeigen zu können, dass aus den Axiomen eines gegebenen Kalküls keine formal widersprüchlichen Formeln abgeleitet werden können.

Die Aufgabe der Beweistheorie von Hilbert beschränkte sich aber nicht auf die zu zeigende Widerspruchsfreiheit der Axiome, sondern versuchte auch, die Unabhängigkeit der Axiome voneinander und die Vollständigkeit formaler Systeme nachzuweisen. Dieses nach Hilbert benannte Programm, das auf die Begründung der Mathematik als formalistische, „mechanische“ Manipulation von Symbolen abzielte, wurde erstmals 1928 auf einem Kongress in Bologna präsentiert.

4.2.3 Gödel und die Grundlagenfrage

Bereits in seinem ersten Studienjahr wurde Kurt Gödel mit der Problematik der Grundlagen der Arithmetik und der Mathematik im Allgemeinen konfrontiert. Zeitgleich reifte in ihm ein starker Platonismus. Die Überzeugung, dass mathematische Objekte unabhängig von menschlicher Erkenntnis per se existieren, beeinflusste Gödels Haltung gegenüber der Mathematik und sein vielfältiges mathematisches Schaffen.

Bereits recht früh in seiner Laufbahn als Mathematiker konzentrierte sich Gödel auf die Grundlagenfrage. Um die Haushaltskasse aufzubessern, beschäftigte er sich direkt nach seiner Dissertation 1929 mit einer der Vermutungen von Hilbert, die dieser selbst als Eckstein seines Programms ansah. Die Lösung dieses Problems versprach hohes Ansehen in der Mathematikerwelt und eine steile Karriere an der Universität. Gödel verfolgte die Idee, komplizierte metamathematische Sätze über ein formalisiertes System der Arithmetik in arithmetische Sätze innerhalb des Systems zu übersetzen. Würde ihm das gelingen, wäre das eine große Erleichterung für die Durchführung mathematischer Beweise. Tatsächlich bestand Gödels große Leistung unter anderem in der Erfindung eines Mittels, mit dessen Hilfe die Barriere zwischen den verschiedenen Sprachebenen überwunden werden konnte. Nur dadurch konnte er im strengen Sinne der Logik Sätze formulieren, die auf sich selbst Bezug nehmen und für seine Unvollständigkeitssätze die Widersprüche nutzen, die sich aus einer solchen Selbstbezüglichkeit ergeben.

Im Zusammenhang mit dieser „Übersetzung“ entwickelte Gödel eine Zuordnungsmethode, „dass weder die arithmetische Formel, die einem bestimmten wahren metamathematischen Satz über diese Formel entspricht, innerhalb des Kalküls beweisbar ist, noch auch die arithmetische Formel, welche der Verneinung dieses Satzes entspricht“ [Nag01, S. 68]. Ohne Zweifel ist eine dieser beiden Formeln wahr, keine der beiden kann jedoch aus den Axiomen abgeleitet werden. Aus dieser Konstruktion konnte Gödel weitreichende Konsequenzen ziehen. Genauer: Gödel ordnete jedem Symbol der Peano-Arithmetik (die 1889 eingeführt und zum allgemeinen Standard wurde), allen Formeln und allen endlichen Folgen von Formeln eindeutig eine Zahl, die sogenannte Gödelzahl, zu. Durch diese Konstruktion kann insbesondere der Satz „x ist eine beweisbare Formel“ mit Hilfe von Zahlenverhältnissen ausgedrückt (kodiert) werden. Durch die Ersetzungsfunktion Subst konnte nun die Gödelzahl der Formel „Dieser Satz ist nicht beweisbar“ in die Formel selbst eingesetzt werden. Das Ergebnis war also eine Formel, die in einem widerspruchsfreien Axiomensystem formal nicht beweisbar, also ein unentscheidbarer Satz ist, die aber allen ganzen Zahlen eine wohldefinierte Eigenschaft zuweist. Somit ist diese Formel zugleich wahr und unentscheidbar.

4.2.4 Die Unvollstädigkeitssätze

Gödel hatte dadurch bewiesen: „Wenn die Arithmetik widerspruchsfrei ist, ist sie unvollständig“ [Gue02, S. 51], d.h. wenn ein widerspruchsfreies Axiomensystem gegeben ist, gibt es immer wahre arithmetische Sätze, die aus diesem System nicht abgeleitet, also nicht bewiesen werden können. Dieser Satz, genannt „der erste Unvollständigkeitssatz“, zeigt nicht, wie vielleicht irrtümlicherweise allzu schnell angenommen, „dass es in der Arithmetik (oder in einem anderen System) wahre, aber absolut unbeweisbare Sätze gibt. Er zeigt vielmehr, dass nicht alle wahren Sätze der Arithmetik in einem einzigen gegebenen formalen System bewiesen werden können.“ [Gue02, S. 51]

Der Weg zu Gödels zweitem Unvollständigkeitssatz war nun nicht mehr weit. Nahezu direkt folgte aus den mühevoll erarbeiteten Ergebnissen das Resultat, dass es unmöglich ist, einen metamathematischen Beweis für die Widerspruchsfreiheit eines Systems zu geben, das mindestens das Zählen mit natürlichen Zahlen enthält. Oder anders formuliert, die Widerspruchsfreiheit eines Systems ist im System unbeweisbar, vorausgesetzt, dass das System widerspruchsfrei ist.

Hatte Gödel, der sich selbst ursprünglich als ein Mitarbeiter in Hilberts Programm sah und alles andere im Sinn hatte, als dessen Programm zu Fall zu bringen, nun dafür gesorgt, dass Hilberts Traum so schnell ausgeträumt war?

Gödel selbst nahm zu dieser Frage Stellung und antwortete: „Es sei ausdrücklich bemerkt, daß Satz XI [der zweite Unvollständigkeitssatz] in keinem Widerspruch zum Hilbertschen formalistischen Standpunkt steht. Denn dieser setzt nur die Existenz eines mit finiten Mitteln geführten Widerspruchsfreiheitsbeweises voraus und es wäre denkbar, daß es finite Beweise gibt, die sich [in dem System selbst] nicht darstellen lassen.“ [Gue02, S. 52]

4.2.5 Konsequenzen für die mathematische Wahrheit

Alle drei Richtungen und Versuche die Russellsche Antinomie zu überwinden sind damit gescheitert: Der geläuterte Logizismus aufgrund der Widersprüche, die den logischen Aufbau durcheinanderbrachten, der Intuitionismus, weil er große Teile der Mathematik preisgeben muss und der Formalismus, weil seine Widerspruchsfreiheit niemals gesichert werden kann. Dennoch: Die Mehrzahl der Mathematiker blieb davon bis heute unbeeindruckt. Es hat sich ein pragmatischer Formalismus durchgesetzt, der Grundlagenprobleme einfach ignoriert. Unbekümmert wird der formal-axiomatische Aufbau der Mathematik, dessen Basis die heutige Mengenlehre bildet, betrieben.

Diese Ergebnisse erscheinen nun sehr niederschmetternd, denn ist nicht gerade die Mathematik ein „Muster von Sicherheit und Wahrheit? [...] Und wo soll sonst Sicherheit und Wahrheit zu finden sein,“ (David Hilbert in [Gue02, S. 38]) wenn nicht im mathematischen Denken?

Und in der Tat werden die von Mathematikern erzielten Ergebnisse gerade deshalb geschätzt, weil sie allgemeingültig sind, objektiv richtig, zutreffend, also wahr. Weil man sich auf mathematische Sätze verlassen kann, stehen sie im Zentrum und sind Ziel aller fundierten wissenschaftlichen Theorien, zumindest in der Physik und vielen technischen Disziplinen.

Inwiefern können und wollen wir uns damit zufrieden geben?


Wenn nun also schon die Mathematik so sehr mit der Wahrheit zu kämpfen hat, wie sieht das dann erst in der Theologie aus?

4.3 Wahrheit in der Theologie

Mit diesem Thema wurden bislang viele Bücher gefüllt. Es ist verständlicherweise unmöglich, innerhalb eines 40-minütigen Vortrags einen vollständigen Überblick über die verschiedenen Wahrheitsfelder in der Theologie zu vermitteln. Deshalb möchte ich mich auf das beschränken, was uns vielleicht noch am Nächsten ist, und die Wahrheit im Neuen Testament, insbesondere bei Johannes, etwas genauer untersuchen.

4.3.1 Wahrheit im Neuen Testament

Eine sehr markante Stelle über die Wahrheit findet sich in Joh 14,6, wo Jesus von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Wie kann sich eine Person mit einem Abstraktum wie „Wahrheit“ identifizieren?

Das im Neuen Testament verwendete Wort für Wahrheit ist ἀληθϑία. Dieser Begriff erhält jedoch je nach Kontext sehr unterschiedliche Bedeutungen. So kann er spezifisch christliche Aspekte sowohl des alttestamentlich-frühjüdischen, als auch des griechisch-hellenistischen Wahrheitsverständnisses enthalten (vgl. [Lan95, S. 1–3]).

4.3.1.1 Wahrheit bei Pauls

Paulus knüpft mit seiner Verwendung des Wahrheitsbegriffs im Zusammenhang mit der Bundestreue Gottes3 und mit dem Gedanken, dass Wahrheit getan werden muss4, an das alttestamentliche Verständnis von Wahrheit an. Dort erscheint der Wahrheitsbegriff nämlich nicht als eine objektive, abstrakte, feststehende Größe, sondern konkretisiert sich in der Geschichte und geht einher mit Worten wie Vertrauen, Treue und Zuverlässigkeit. Zugleich ist für Paulus aber Wahrheit Gegenstand des Redens, bzw. eine Aussage über die Qualität menschlicher Rede. Damit schafft Paulus die Verbindung zum griechischen Wahrheitsverständnis. Das Spezifikum des paulinischen Wahrheitsbegriffes ergibt sich aus dem Bezug der hebräischen und griechischen Wahrheitsvorstellungen auf die Christusverkündigung und die Gottesoffenbarung. [Lin00, S. 1836ff, S. 1841] „Die Predigt des Evangeliums ist das Wort der Wahrheit.“ [Bau94, S. 583]

4.3.1.2 Wahrheit bei den Synoptikern

Da der Ausdruck ἀληθϑία bei den Synoptikern recht selten auftaucht, lässt sich daraus schließen, dass er in den Verkündigungen Jesu keine große Rolle gespielt hat (vgl. [Lin00, S. 1841]). Wenn, dann wurde er vor allem in Anlehnung an das griechische Wahrheitsverständnis als Kennzeichnung sachgemäßer Aussagen verwendet. Der synoptische Jesus verwendet nur selten das Wort „Wahrheit“, sehr wohl aber das mit diesem Begriff Gemeinte. Deutlich wird vor allem der außerordentliche Wahrheitsanspruch Jesu, der einen Anspruch auf besondere Autorität impliziert (vgl. [Lan95, S. 341]).

4.3.1.3 Wahrheit bei Johannes

Im Johannesevangelium ist die Wahrheit von zentraler Bedeutung, das theologische Schlüsselwort. Deshalb erweist es sich als sinnvoll, den johanneischen Wahrheitsbegriff ausführlicher zu betrachten.

4.3.2 Wahrheit bei Johannes

Zunächst liefert die spezifische Verbindung des hellenistischen (Aussagewahrheit) und des (früh-)jüdischen (glaubwürdige Zuverlässigkeit) Wahrheitsverständnisses die für das Neue Testament entscheidende Deutung von Wahrheit (vgl. [Kre92, S. 313]).

Darüber hinaus überschreitet Johannes das allgemeine Wahrheitsverständnis, d.h. Wahrheit im Sinne von Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, und entwickelt einen christologischen Wahrheitsbegriff, der die Beziehung von Christusereignis und Wahrheit vollendet:

„[...] die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus“ schreibt Johannes in seinem Prolog. Jesus Christus ist hier Offenbarer der göttlichen Wahrheit in geschichtlicher Konkretion. Damit wird Wahrheit greifbar, erhält einen personalen Charakter. Die Verbindung von Wahrheit und Jesus, die schon Paulus zu knüpfen begann, wird hier noch viel enger. Letztendlich wird eben diese Verbindung bei Johannes mit der Identifikation von Wahrheit mit Christus zum Höhepunkt gebracht (vgl. [Kre92, S. 314]).

Johannes unterstreicht den Aspekt, dass Jesus Christus als „Wort“ aus dem Vater hervorgeht5. Gleichzeitig ist aber nach Joh 17,175 dieses Wort selbst Wahrheit. Damit kann Jesus, das inkarnierte Wort des Vaters, wirklich von sich sagen [Joh 14,6]: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (vgl. [Kre92, S. 314])

Jesus Christus als die Wahrheit in Person verschafft uns durch sein Zeugnis Zugang zum Vater. Dieser Zugang zur göttlichen Wirklichkeit und damit zur göttlichen Wahrheit ist „exklusiv an den Sohn Gottes gebunden.“ [Lan95, S. 342] Wegen der Einheit von Vater und Sohn bedeutet Wahrheit letztlich die Selbsterschließung der göttlichen Wahrheit. Wer dies erkennt, der ist im Heil und hat das ewige Leben.7

Auf dem Weg zur Erkennung dieser Wahrheit ist der „Geist der Wahrheit“8 von entscheidender Bedeutung (pneumatologischer Aspekt des johanneischen Wahrheitsverständnisses). Dieser Geist legt Zeugnis für den Sohn ab9 und vermittelt die Wahrheit in die Gegenwart hinein, indem er die Erinnerung an Jesus bewahrt.10 So wird der Gläubige zur ganzen Wahrheit in ihrem Vollsinn geführt, d.h. zu einer Wahrheit, die mehr ist als rein intellektuelle Erkenntnis, reines Wissen von und über Gott, nämlich zu dem sich in Jesus Christus offenbarenden Gott selbst. (vgl. [Kre92, S. 314])

Ebenso wie die Wahrheit ist auch die Lüge personengebunden. Die Wahrheit Christi und die Lüge des Teufels wirken als personengebundene, zur Entscheidung herausfordernde Machtbereiche auf den Menschen ein.

Jeder, der an die Wahrheit in Christus glaubt, kann im Geist und in der Wahrheit anbeten und erweist sich so als wahrer Jünger Jesu, den die Wahrheit „von Sünde und vom Gesetz“ [Kre92, S. 315] befreit.

Schließlich beinhaltet das Verständnis von Wahrheit bei Johannes auch einen ekklesiologisch-ethischen Aspekt: Wahrer Nachfolger Jesu zu sein, bedeutet Leben in der Wahrheit11 und Tun der Wahrheit12 d.h. die Erfüllung der Gebote, insbesondere des Liebesgebotes13>. Wer die Wahrheit als ein sachliches Was auffasst (wie Pilatus das in der Anfangs erwähnten Frage „Was ist Wahrheit?“ tut), keinen Zugang zur Person Jesu Christi hat und nicht an ihn glaubt, dem bleibt die Wahrheit verschlossen.

4.4 Und nun?

Was können wir nun als Ergebnis dieser Diskussion festhalten?

Ohne Zweifel beschäftigen sich beide Wissenschaften sehr eingehend mit der Wahrheit. Auch in der Mathematik ist — für Manchen wider Erwarten — „Wahrheit“ alles andere als offensichtlich, klar, trivial. Wahrheit kann nicht einfach auf Beweisbarkeit reduziert werden! Sowohl in der Mathematik als auch in der Theologie geht es bei der Beschäftigung mit der Wahrheit um Grundlegendes, das nicht einfach komplett übergangen werden darf und will. Dennoch kommt ebenso deutlich zum Ausdruck, dass religiösem Glauben ein anderer Wahrheitsbegriff zugrunde liegt als den Naturwissenschaften. Während das mathematische Wahrheitsverständnis eher rational und dicht am intuitiven Wahrheitsbegriff orientiert ist, geht die Bedeutung von „Wahrheit“ in der Theologie darüber hinaus. Hier ist „Wahrheit“ nicht nur Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit. Im Sinne der Theologie bedeutet „Wahrheit“ mehr als rationales Wissen. Die Bindung des Wahrheitsbegriffes an die Person Jesus Christus und die göttliche Wahrheit führt zu einem umfassenderen Wahrheitsverständnis, das gewissermaßen ein Lebensmotto, ein Lebensziel in sich birgt.

Diese unterschiedlichen Bedeutungen sind nicht weiter verwunderlich, wenn man die verschiedenen Kerne der beiden Wissenschaften betrachtet. So wies der bekannte Tübinger Theologe Prof. Dr. Eberhard Jüngel bei einem seiner Vorträge darauf hin, dass die Naturwissenschaften im Allgemeinen mit einem Rätsel vergleichbar sind, dessen Rätselhaftigkeit gelöst werden will und welches nach gefundener Lösung verschwindet. Die Theologie hingegen handle von einem Geheimnis, dessen Zauber eben darin liegt, dass es unlösbar, d.h. rational nicht erklärbar sei. Das Geheimnis Gottes behält seinen Charakter als staunenswertes und nie auflösbares Geheimnis bei und steigert sich vielmehr dadurch, dass man sich intellektuell damit beschäftigt.

4.5 Literaturverzeichnis

[Bau94]
Bauer, Johannes: Bibeltheologisches Wörterbuch. Wien u.a. Styria, 1994.
[Bro74]
Brockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden. Neunzehnter Band. Wiesbaden: F.A. Brockhaus 1974.
[Bib97]
Die Bibel, Einheitsübersetzung. Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, 1997.
[Gue02]
Guerrerio, Gianbruno: Kurt Gödel - Biografie. Spektrum der Wissenschaft 1/2002.
[Kre92]
Kreiner, Armin: Ende der Wahrheit? Zum Wahrheitsverständnis in Philosophie und Theologie. Freiburg i. Br.: Herder 1992.
[Lan95]
Landmesser, Christof: Der Wahrheit verpflichtet. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche Beiheft 9. Theologie als gegenwärtige Schriftauslegung 1995. S. 1-3.
[Lin00]
Link, H.G.: ArtWahrheit/Lüge In: Coenen, Lothar; u.a. (Hrsg.). Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament. Bd. 2. Neuberarbeitete Ausgabe. Wuppertal: Brockhaus 2000.
[Nag01]
Nagel, Ernest und James R. Newman: Der Gödelsche Beweis. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2001.

Fußnoten:

  1. 1 Das berühmte fünfte Axiom in der euklidischen Geometrie besagt, dass durch einen Punkt außerhalb einer gegebenen Geraden nur eine Parallele zu dieser Geraden gezogen werden kann. Da dieses Axiom in der Antike keineswegs einleuchtend erschien, versuchten viele vergeblich, das Parallelenaxiom zu beweisen.
  2. 2 Es scheint zwei Arten von Mengen zu geben, jene, die sich selbst als Elemente enthalten, und jene, bei denen dies nicht der Fall ist, z.B. die Menge der Mathematiker, bzw. die Klasse aller denkbaren Dinge. Ist nun N die Menge aller sich selbst nicht enthaltender Mengen, so stellt sich die Frage, ob N sich selbst enthält. Aus der Betrachtung dieser Frage folgt, dass der Satz „N enthält sich nicht selbst.“ gleichzeitig wahr und falsch ist.
  3. 3 vgl. Röm 3,3-7: „Wenn jedoch einige Gott die Treue gebrochen haben, wird dann etwa ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? Keineswegs! Gott soll sich als der Wahrhaftige erweisen, jeder Mensch aber als Lügner, wie es in der Schrift heißt: So behältst du recht mit deinen Worten und trägst den Sieg davon, wenn man mit dir rechtet. Wenn aber unsere Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit Gottes bestätigt, was sagen wir dann? Ist Gott, ich frage sehr menschlich, nicht ungerecht, wenn er seinen Zorn walten lässt? Keineswegs! Denn wie könnte Gott die Welt sonst richten? Wenn aber die Wahrheit Gottes sich durch meine Unwahrheit als noch größer erweist und so Gott verherrlicht wird, warum werde ich dann als Sünder gerichtet?“;
    15,8:„Denn das sage ich, Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden, damit die Verheißungen an die Väter bestätigt werden.“
  4. 4 vgl. Gal 5,7: „Ihr wart auf dem richtigen Weg. Wer hat euch gehindert, weiter der Wahrheit zu folgen?“;
    R öm 2,8: „denen aber, die selbstsüchtig nicht der Wahrheit, sondern der Ungerechtigkeit gehorchen, widerfährt Zorn und Grimm.“
  5. 5 vgl. Joh 1,1: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“; 1,14: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“
  6. 6 Joh 17,17: „dein Wort ist Wahrheit“
  7. 7 vgl. Joh 17,3: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.“
  8. 8 Joh 14,15-17: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.“
  9. 8 vgl. Joh 15,26: „der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen.“
  10. 9 vgl. Joh 14,26: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
  11. 10 vgl. 2Joh 4: „Ich habe mich sehr gefreut, unter deinen Kindern solche zu finden, die in der Wahrheit leben, gemäß dem Gebot, das wir vom Vater empfangen haben.“
  12. 11 vgl. Joh 3,21: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“
  13. 12 vgl. 1Joh 2,3ff.: „Wenn wir seine Gebote halten, erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet. Wir erkennen daran, dass wir in ihm sind.“
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